Lübeck - Historische Fassaden in der Altstadt

  • Denkmalliste bei Wikipedia nach Strassen geordnet mit hochauflösbaren Fotos.



    Ich beziehe mich auf die beiden Bilder im allgemeinen Lübecker Strang:


    Ich habe mich mal an eine Rekonstruktion des Giebels von Wahmstr. 35 herangetastet. Über den äussersten beiden Hochblenden sieht man die Konturen der äussersten beiden Stufen. Sie beginnen drei Ziegelreihen oberhalb des Blendbogens. Darüber folgten dann noch wohl drei Reihen teils aufgestellte Backsteine für das Gefälle der Zinnenabschlüsse, so wie es beim linken Nachbarhaus noch knapp sichtbar ist. Der Rest ist aufgrund der Hochblenden als Annahme gedacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Höhendifferenz zwischen den Hochblenden nicht gleich ist, was dann auch unterschiedlich hohe Stufen ergäbe. Die Höhe zwischen den unteren und mittleren Hochblenden ist ein bisschen kleiner als jene zwischen den mittleren und oberen Hochblenden. Für die Höhe der Abschlussstufe zuoberst habe ich das Mittelmass angenommen.


    Luebeck_Wahmstr_35_Rekonstruktion_s.jpg

    Wahmstr. 35 mit rekonstruiertem Giebel. Vergrösserung.

    Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.


    Zum Vergleich das unbearbeitete Bild:

    512px-Luebeck_Wahmstr_35.jpg

    Luebeck Wahmstr 35

    Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons


    Die Fassade vor den unteren drei Geschossen wurde offensichtlich komplett neu erstellt. Man findet keine Spuren einer älteren Fenstereinteilung oder von Zierrat. Auffallend sind aber die gemauerten Entlastungsbogen unterhalb der Fenstersimsen am 2. Obergeschoss und unterhalb des Abschlussgesimses. Ich denke kaum, dass dies ältere Spuren sind; dennoch ist ihre Lage und Vorhandensein eigenartig.


    Dafür könnten links vom linken Fenster am 2. Obergeschoss noch sechs Backsteine mit Wulst in situ vom gotischen Urzustand zeugen. Sie liegen genau in der Verlängerung der 'Lisene' am 3. Ober- und 1. Dachgeschoss, die dann in die erste Hochblende übergeht (hierzu auf die Vergrösserung klicken).




    Bei Wahmstr. 37 ist eine zeichnerische Rekonstruktion schwieriger, da die Hochblenden unterschiedlich hoch angeordnet sind. Auch dort erkennt man die Ansätze der untersten Stufen. Für eine Rekonstruktion müsste mehr über die jüngere Baugeschichte des Hauses bekannt sein, beispielsweise ob der Giebel im Barock mal verputzt war und bei einer jüngeren Restaurierung die Backsteinsichtigkeit wieder hergestellt wurde samt teilweisen Ergänzungen. Oder ist es möglich, dass noch im Barock die mittleren Hochblenden in der Höhe angepasst wurden? Zudem wäre ein Blick hinter den Verputz am 1. Obergeschoss sehr interessant!

  • Ich habe mich mal an eine Rekonstruktion des Giebels von Wahmstr. 35 herangetastet.

    Super, das dürfte dem originalen Bauzustand tatsächlich sehr nahekommen!

    Die Fassade vor den unteren drei Geschossen wurde offensichtlich komplett neu erstellt. Man findet keine Spuren einer älteren Fenstereinteilung oder von Zierrat. Auffallend sind aber die gemauerten Entlastungsbogen unterhalb der Fenstersimsen am 2. Obergeschoss und unterhalb des Abschlussgesimses. Ich denke kaum, dass dies ältere Spuren sind; dennoch ist ihre Lage und Vorhandensein eigenartig.

    Das jetzige 2. OG, also der Unterboden, scheint meiner Ansicht nach noch relativ original zu sein. Ich sehe da schon ältere Spuren, und zwar gerade die von Dir als "eigenartig" bezeichneten Entlastungsbögen unterhalb des Gesimses - ich meine die schmalen Bögen, nicht die neueren breiten darunter. Meiner Meinung nach sind das gefaste Formsteine, die die Oberkante von korbbogigen Fensternischen bildeten. Zu sehen sind also quasi die Stirnseiten der Formsteine, während ihre nach innen laufende Schrägseite durch die Vermauerung der Nischen nicht mehr zu sehen ist. Die vier Fenster im Unterboden werden zudem ein wenig höher gesessen haben und nicht rundbogig, sondern annähernd quadratisch gewesen sein. D.h. die Hochblenden begannen erst darüber, also ab Traufhöhe.

    Viel mehr Zierrat würde ich bei Lübecker Fassaden eh nicht erwarten. Diese beiden Häuser gehören mit ihren Statius-von-Düren-Terrakotten schon zu den extrem reich ausgestatteten.


    Dafür könnten links vom linken Fenster am 2. Obergeschoss noch sechs Backsteine mit Wulst in situ vom gotischen Urzustand zeugen. Sie liegen genau in der Verlängerung der 'Lisene' am 3. Ober- und 1. Dachgeschoss, die dann in die erste Hochblende übergeht (hierzu auf die Vergrösserung klicken).

    Apropos "gotischer Urzustand": Vielleicht eine kleine Exkursion zur Lübecker Baugeschichte: Die beiden Fassaden Wahmstraße 35/37sind mitnichten gotisch, sondern aus der Renaisance. Erkennbar z.B. an den runden statt spitzbogigen Hochblenden. Zudem waren die Luken um Giebel in der Gotik meist oder zumindest oft als spitzbogige Doppelluken ausgebildet, während das in der Renaissance nicht mehr der Fall war. In der Renaissance war noch so enormer Reichtum vorhanden, dass Fassaden oder gar ganze Häuser komplett neu gebaut wurden (so dass hier nichts vom gotischen Vorgängerhaus mehr vorhanden ist), während man sich in den nachfolgenden Jahrhunderten meist mit Umgestaltungen wie etwa der Abschweifung von Treppengiebeln "begnügte".

    Dass die Renaissance-Treppengiebel oft mit gotischen verwechselt werden liegt daran, dass die Bauherren am Beginn der Renaissance an der aus der Gotik überlieferten traditionellen Bauform (Treppengiebel mit Hochblenden) festgehalten haben. In der späteren Renaissance ging man dann aber allmählich dazu über, die altertümlichen Hochblenden wegzulassen und die Fenster (meist) in einzelne Korbbogennischen zu setzen. Zudem wurden dann zwischen den Stockwerken zunehmend Gesimse eingezogen, was die Umstellung von vertikal auf horizontal betonten Fassaden bewirkte.

    In dieser Umstellungsphase gab es auch Mischformen - der Giebel bekam noch Hochblenden, während der Unterboden schon Korbbogennischen bekam. Wahmstraße 35 ist meiner Meinung nach so ein Fall.


    Edit: Ich habe mir das vergrößerte Bild nochmal angesehen: Die seitlichen Steine, die Du den Lisenen zuordnest, sind die gefasten Formsteine der seitlichen Laibung der Korbbogennischen. Die Fenster waren ursprünglich etwas breiter, aber im wesentlichen sind die vier Fensteröffnungen im Unterboden (jetzigen 2. OG) noch an der ursprünglichen Stelle).


    Bei Wahmstr. 37 ist eine zeichnerische Rekonstruktion schwieriger, da die Hochblenden unterschiedlich hoch angeordnet sind. Auch dort erkennt man die Ansätze der untersten Stufen. Für eine Rekonstruktion müsste mehr über die jüngere Baugeschichte des Hauses bekannt sein, beispielsweise ob der Giebel im Barock mal verputzt war und bei einer jüngeren Restaurierung die Backsteinsichtigkeit wieder hergestellt wurde samt teilweisen Ergänzungen. Oder ist es möglich, dass noch im Barock die mittleren Hochblenden in der Höhe angepasst wurden? Zudem wäre ein Blick hinter den Verputz am 1. Obergeschoss sehr interessant!

    Bei Wahmstraße 37 gebe ich Dir Recht, dass eine Reko der ursprünglichen Giebelform schwierig ist, da der Höhenversprung zwischen den jeweils beiden äußeren Hochblenden zu den drei mittleren sehr groß ist. Zudem sieht es für mich so aus, als ob alle Hochblenden außer der mittleren noch original sind. Da bin ich auch überfragt. Einen barocken Verputz würde ich aber ausschließen. Dazu sind die stark profilierten Formsteine der Hochblenden zu filigran und hätten ein Abschlagen der Putzes wohl kaum überstanden.

    Die beiden unteren Geschosse zu rekonstruieren ist dagegen bei Nr. 37 ganz einfach: Hier wurde die ehemalige hohe Diele durch eine Zwischendecke in zwei Geschosse geteilt, um Wohnraum zu schaffen. Es wird wie folgt ausgesehen haben: Die beiden linken Fenster waren ursprünglich ein großes, und die drei rechts neben dem Eingang ebenfalls. Das jetzt niedrige Portal reichte bis unter den Wappenstein und war oben rundbogig. Die jetzige grobe Portallaibung ist neueren Datums; es könnte gut sein, dass das alte Portal zumindest in Ansätzen noch darunter sitzt. Insofern wäre das Abschlagen des Putzes tatsächlich sehr interessant. Vielleicht geschieht das ja im Laufe der anstehenden Sanierung. In Lübeck war in letzter Zeit ja häufiger zu beobachten, dass ältere Bauzustände wieder sichtbar gemacht wurden, siehe Lübeck-Thread im APH.


    Übrigens wollte ich hier ein paar Bilder einbinden, was mir aber leider nicht möglich war, da man keine Bildformate als Anhang bei Beiträgen hochladen kann und ich mich mit meinem Account nicht beim Bilderhosting des Forums anmelden kann - muss ich dafür extra freigeschaltet werden?

  • Das jetzige 2. OG, also der Unterboden,

    Unterboden - ist das jeweils das oberste Vollgeschoss? So quasi unter den Dachböden?


    Ich sehe da schon ältere Spuren, und zwar gerade die von Dir als "eigenartig" bezeichneten Entlastungsbögen unterhalb des Gesimses - ich meine die schmalen Bögen, nicht die neueren breiten darunter. Meiner Meinung nach sind das gefaste Formsteine, die die Oberkante von korbbogigen Fensternischen bildeten. Zu sehen sind also quasi die Stirnseiten der Formsteine, während ihre nach innen laufende Schrägseite durch die Vermauerung der Nischen nicht mehr zu sehen ist. Die vier Fenster im Unterboden werden zudem ein wenig höher gesessen haben und nicht rundbogig, sondern annähernd quadratisch gewesen sein.

    Jetzt, wo ich diese ältere Fensterform der 'korbbogigen Fensternische' kenne, sind mir die oberen, fälschlicherweise als Entlastungsbogen bezeichneten Bogen klar. Mit diesem Wissen lassen sich auf der Fotografie noch viel mehr Formsteine der seitlichen Leibungen der Korbbogennischen erahnen:


    Luebeck_Wahmstr_35-Ausschnitt-und-Eintragungen.jpg

    Wahmstr. 35, 1. und 2. Obergeschoss mit Eintragung von Spuren der ehemaligen Korbogennischen.

    Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.


    Unklar sind mir aber nach wie vor die Entlastungsbögen unterhalb der Fenstersimsen des 2. Obergeschosses. Diese nehmen in der Breite eindeutig Bezug auf die heutigen Fenster des 1. Obergeschosses. Ausser bei der linken Fensterachse sind sie abwechslungsweise mit stehenden und liegenden Backsteinen gemauert. Nur beim linken Fenster sind sie nur liegend (es könnte sich auch um eine Reparatur handeln). Von der Mauertechnik her scheinen sie nicht dem Originalbestand anzugehören.


    Weshalb ich dachte, dass die Fassade am 1. und 2. Obergeschoss völlig erneuert worden war, hat mit der Anzahl der Fensterachsen zu tun: bei den Vollgeschossen vier, und am Giebel sieben Fensterachsen. Ich hatte mir kaum vorstellen können, dass dieser statische Bruch original sein könnte. Aber bei der Mehrheit der historischen Giebelfassaden ist dies der Fall.


    Apropos "gotischer Urzustand": Vielleicht eine kleine Exkursion zur Lübecker Baugeschichte: Die beiden Fassaden Wahmstraße 35/37sind mitnichten gotisch, sondern aus der Renaisance. Erkennbar z.B. an den runden statt spitzbogigen Hochblenden. Zudem waren die Luken um Giebel in der Gotik meist oder zumindest oft als spitzbogige Doppelluken ausgebildet, während das in der Renaissance nicht mehr der Fall war.

    Auch dieses Wissen ist wichtig, wenn man sich mit den Giebelformen in Lübeck befassen möchte. Bei uns nennen wir den Übergang von der Gotik zur Renaissance 'Spätgotik', weil oft im 16. Jahrhundert Rundbogen verwendet wurden, aber noch gotische Nasen an den Fenstergewänden und Masswerk. Ich befasse mich seit einer Weile mit den Giebelfassaden in Nürnberg (Beispiel), und es wird spannend, dereinst die Parallelen zu Lübeck zu sehen!


    Die seitlichen Steine, die Du den Lisenen zuordnest, sind die gefasten Formsteine der seitlichen Laibung der Korbbogennischen. Die Fenster waren ursprünglich etwas breiter, aber im wesentlichen sind die vier Fensteröffnungen im Unterboden (jetzigen 2. OG) noch an der ursprünglichen Stelle).

    Wären das jetzt typische Korbbogennischen mit quadratischen Fenstern, die am mittleren Haus am 2. Obergeschoss zu sehen sind? Im Giebel sitzen rundbogige Hochblenden, aber noch gekuppelte Fenster dazwischen. Dies wäre in dem Fall auch so ein Übergangsbeispiel von der Gotik zur Renaissance. Nebenbei: Links davon eine neugotische Fassade, und rechts davon eine 'echte' gotische Fassade.


    398px-Lübeck1901.jpg

    Lübeck 1901. Vergrösserung.

    Autor: teknika museet, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.


    Und hier auch drei Korbbogennischen, aber mit sehr tief sitzenden Fenstern?


    360px-MarstallLübeck02.JPG

    Marstall in Lübeck. Vergrösserung.

    Autor: Kresspahl, creative commons public domain.



    Bilder [...] muss ich dafür extra freigeschaltet werden?

    Ja, am besten schreibst Du eine PN an hollanda.

  • Bei Wahmstr. 35 ist mir zudem noch die spezielle Fenstersturzmauertechnik am obersten Vollgeschoss und den drei Dachgeschossen aufgefallen:


    Luebeck_Wahmstr_35-Ausschnitt-1.-2.-DG.jpg

    Wahmstr. 35, Fensterstürze am 1. Dachgeschoss untermauerten Entlastungsbogen.

    Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.


    Irgendwie erscheint mir das nicht ursprünglich, aber weshalb hätte man da so umständlich ältere Bogen (aus Formsteinen, von denen man nur die 'Spitze' sieht?) untermauern sollen? Womöglich sind die Stichbogenfenster im Giebel auch nicht ursprünglich?

  • Unterboden - ist das jeweils das oberste Vollgeschoss? So quasi unter den Dachböden?

    Genau. Der Unterboden ist das oberste Vollgeschoss unter den Speicherböden des Daches. Der Aufbau der alten Lübecker Häuser war von unten nach oben: Hohe Diele/Dornse - Unterboden - Speicherböden. Bei größeren Häusern kommen auch zwei Vollgeschosse über der Diele vor. Ob die dann beide "Unterböden" genannt werden, vermag ich gerade nicht zu sagen.

    Wahnsinn, das hast Du aber sehr schön erkannt und eingezeichnet - ich hätte nicht gedacht, dass von den Renaissance-Nischen noch soviel da ist! Eigentlich könnte man die sogar ganz wiederherstellen. Vielleicht paassiert das ja bei der Sanierung...


    Die Entlastungsbögen unterhalb der ehemalige Korbbogennischen stammen meiner Ansicht nach vom ersten grundlegenden Umbau im 19. Jahrhundert. Vermutlich wurde da wie üblich die hohe Diele in zwei Stockwerke geteilt. Der niedrige Unterboden behielt zunächst seine Abmessungen. Unterböden waren sehr niedrige Etagen, da sie als Speicherböden gebaut worden waren, also genau wie das ganze Dach ursprünglich nicht zu Wohnzwecken dienten. Die Fenster des neuen 1. OGs saßen dann unter diesen Entlastungsbögen. Die alten Fensteröffnungen sind ja am dort gestörten Mauerwerk noch gut abzulesen.

    Irgendwann - vielleicht sogar beim Umbau von 1948 - genügte der niedrige Unterboden nicht mehr den Ansprüchen an eine Wohnnutzung, so dass die Decke zwischen dem Unterboden und dem 1. OG, also die alte originale Decke der Diele, geschätzt einen halben Meter heruntergesetzt wurde, so dass der Unterboden höher wurde - vielleicht von knapp 2m auf knapp 2,50m. In dem Maße rückten dann auch die Fenster des 1. OG nach unten und entfernten sich so von ihren Entlastungsböden. Zeitgleich wurden wohl auch die Fenster des Unterbodens ein klein wenig nach unten gesetzt oder vergrößert, da sie jetzt sehr dicht über den Entlastungsbögen des 1. OGs sitzen. Soweit meine Theorie dazu, die mir sehr plausibel vorkommt.


    Die Fassade ist in Höhe des Unterbodens noch weitgehend original, zumindest hinter der Vermauerung der Nischen; darunter (1.OG und EG) wird man sicher kaum noch bauzeitliches Material finden.

    Auch dieses Wissen ist wichtig, wenn man sich mit den Giebelformen in Lübeck befassen möchte. Bei uns nennen wir den Übergang von der Gotik zur Renaissance 'Spätgotik', weil oft im 16. Jahrhundert Rundbogen verwendet wurden, aber noch gotische Nasen an den Fenstergewänden und Masswerk. Ich befasse mich seit einer Weile mit den Giebelfassaden in Nürnberg (Beispiel), und es wird spannend, dereinst die Parallelen zu Lübeck zu sehen!

    Als Spätgotik kenne ich hier die Zeit zwischen ca. 1400/1450 und vielleicht maximal 1550, eher sogar nur bis kurz nach 1500. Das Burgtor von 1444 und das St.-Annen-Kloster von 1500 zählen zur Spätgotik. Deutlich nach 1500 ist mir kein gotischer Bau in Lübeck mehr bekannt. Ich meine sogar mal gelesen zu haben, das St. Annen der letzte gotische Bau in Lübeck war. Die meisten großen Häuser mit Renaissance-Treppengiebel entstanden dann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wenn ich so recht überlege, scheint es nach dem "Gotik-Boom" gefühlt sogar eine relative Pause beim Bau von 1500 bis 1550 gegeben zu haben. Die Häuser Wahmstraße 35 und 37 sind dann auch von 1560 bzw. 1557. Letzteres steht auf der noch vorhandenen Wappentafel:


    Wahmstrasse_37_Wappen.jpg

    Wahmstr. 37, Wappentafel

    Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.


    Und die zweite Hälfte des 16 Jahrhunderts würde ich nun auf keinen Fall mehr der Gotik zuordnen - nicht einmal mehr der späten. Vielleicht mag das regional unterschiedlich sein?

    Wären das jetzt typische Korbbogennischen mit quadratischen Fenstern, die am mittleren Haus am 2. Obergeschoss zu sehen sind? Im Giebel sitzen rundbogige Hochblenden, aber noch gekuppelte Fenster dazwischen. Dies wäre in dem Fall auch so ein Übergangsbeispiel von der Gotik zur Renaissance. Nebenbei: Links davon eine neugotische Fassade, und rechts davon eine 'echte' gotische Fassade.


    398px-Lübeck1901.jpg
    Lübeck 1901. Vergrösserung.

    Autor: teknika museet, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

    An der Untertrave 74. Ja, das sind typische Korbbogennischen, und das Haus ist wohl in der Tat eine Mischform zwischen Gotik (Doppelluken und glasierte Steinschichten) und Renaissance (rundbogige Blenden). Bei einigen Häusern komme ich in der Tat auch ins Schwimmen - mich würde das Baudatum interessieren, habe aber auf die Schnelle keine Infos dazu gefunden. Die auf dem Bild zu sehende prächtige Hauszeile wurde 1942 leider komplett zerstört.

    Übrigens fällt mir da gerade ein, dass auch in der Gotik bereits Korbbogennischen verwendet wurden. Ein Beispiel ist der Kriegsstubenbau des Rathauses.

    Und hier auch drei Korbbogennischen, aber mit sehr tief sitzenden Fenstern?

    360px-MarstallLübeck02.JPG
    Marstall in Lübeck. Vergrösserung.

    Autor: Kresspahl, creative commons public domain.

    Das Vorderhaus der Marstalls am Burgtor. Auf den ersten Blick würde ich die Fassade als gotisch einstufen - ich meine, das müsste zusammen mit dem Burgtor 1444 entstanden sein oder kurz danach. Die Öffnung des EGs enstand erst 1928 bei der Erweiterung der Durchfahrten von 3 auf 4. Ursprünglich gab es sogar nur eine Durchfahrt durch den Torturm (ganz rechts auf dem Bild angeschnitten).

    Bei Wahmstr. 35 ist mir zudem noch die spezielle Fenstersturzmauertechnik an den drei Dachgeschossen aufgefallen:

    Luebeck_Wahmstr_35-Ausschnitt-1.-2.-DG.jpg
    Wahmstr. 35, 1. / 2. Dachgeschoss mit

    Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.


    Irgendwie erscheint mir das nicht ursprünglich, aber weshalb hätte man da so umständlich ältere Bogen (aus Formsteinen, von denen man nur die 'Spitze' sieht?) untermauern sollen? Womöglich sind die Stichbogenfenster im Giebel auch nicht ursprünglich?

    Das sieht in der Tat merkwürdig aus. Die ursprünglichen Bögen hatten eine größere Wölbung. Vielleicht musste die Fassade irgendwann stabilisiert werden. Oder die Bögen wurden den Fenstern angepasst. Keine Ahnung. Im Gegensatz zu den Fenstern der unteren Geschosse waren die Luken im Dachbereich des Giebels tatsächlich rundbogig offen und von innen nur mit Holzklappen verschlossen. Fenster wurden dann erst zwecks Umnutzung von Lagerböden zu Wohnungen eingebaut. Die dann oft rundbogig, aber auch gerade (siehe ganz unten).


    Hier noch ein paar Bilder von mir mit noch exisiterenden Häusern:


    Mengstrasse-64.jpg

    Mengstraße 64: Fassade aus der späteren Renaissance, ohne Hochblenden und mit horizontaler Gliederung. Alle Fassadenöffnungen sind noch original erhalten (das kommt nach der Wohnungsnot des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht mehr so oft vor!). Hier sind zwei "Unterböden" vorhanden.


    Mengstrasse-50-52.jpg

    Mengstraße 52/50: Nr. 50 (rechts) mit im EG rekonstruierter Fassadengliederung und mit vorgesetztem Portal von Fischstraße 34). Bei Nr. 52 (links) wurden die Decken der Diele und der Unterböden neu angeordnet, um größere Geschosshöhen zu erhalten.



    Mengstrasse-23.jpg

    Mengstraße 23: Frühere Renaissance mit Hochblenden und Rundbogen-Luken. 4 Korbbogige Fenster im Unterboden bei 5 Achsen im Dachbereich!. EG/Diele im 19. Jhdt. verändert, darüber ist aber an den zu sehdenden Entlastungsbögen noch die Höhe der originalen Fenster und des Portals ablesbar.



    Mengstrasse-27.jpg

    Mengstraße 27: Wieder späte Renaissance, Fassadenöffnungen noch original, Ausschmückung mit Düren-Terrakotten.



    Mengstrasse-31.jpg

    Mengstraße 31: Oberghalb der Diele originale Fensteröffnungen - hier sind mal gerade Fenster in die Luken gesetzt worden. Diele in zwei Stockwerke unterteilt unter wesentlicher Beibehaltung der originalen Öffnungen (ehemals hohe Fenster nur im Bereich der eingezogenen Zwischendecke vermauert. Unter dem verputzen Portal vermute ich noch originale Formsteine...


    So, das soll erstmal reichen, muss jetzt doch mal Feierabend machen, so umfangreiche Beträge dauern ganz schön...

  • Wenn mich in einer Region ein spezieller Bautyp interessiert, dann sammle ich zuerst ein paar Ansichten von solchen Häusern, die ich dann miteinander vergleiche und Gemeinsamkeiten oder Weiterentwicklungen heraussuche (wie ich es schon in den Fachwerksträngen gemacht hatte). Deshalb habe ich die vorangehenden Beiträge in diesen neuen Strang verschoben, wo wir uns ausschliesslich den Fassaden widmen können. Dasselbe schwebt mir auch für Nürnberg vor.


    Nebst speziellen Bautechniken interessieren mich auch Schmuckelemente wie die von Frank 1204 erwähnten Statius von Düren-Terrakotten, die mir erst mit diesen Beiträgen aufgefallen sind. Über die Verwendung von glasierten Backsteinen hatten wir mal im APH bei Kleine Altefähre 19 gesprochen. Oder auch Begriffe wie 'Unterboden' können hier diskutiert werden. Die Frage, ob die Rücklagen bei den Blendarkaden ursprünglich weiss verputzt oder backsteinsichtig waren, interessiert mich ebenfalls.


    Eigentlich wäre dieser Strang etwas, was man schon im Vorfeld der Wettbewerbe zu den Neubauten im Gründerviertel hätte machen sollen. Bei einigen Fassaden hätte man dann bessere Resultate erzielen und gewissen modischen Schnick-Schnack ablehnen können. Mit modischem Schnick-Schnack meine ich die übertrieben grosse Verendung von Glasbrüstungen, assymmetrischen Fensterleibungen und Schrägstellungen (z. B. Fischstr. 22), falsche Verwendung von Backsteinfarben und Nicht-Verständniss von organischem Kräfteverlauf innerhalb einer Fassade (z. B. Fischstr. 20), Nicht-Verständnis von Proportionen (Käsebrett-Fassade Fischstr. 18). Die genannten Beispiele sind in diesem APH-Beitrag von Frank1204 zu sehen. Der Entwerfer der Fassade von Fischstr. 16 hat dies alles verstanden.


    Gibt es eigentlich eine wissenschaftliche Arbeit über baugeschichtliche Untersuchungen an Lübecker Fassaden?



    Die Entlastungsbögen unterhalb der ehemalige Korbbogennischen stammen meiner Ansicht nach vom ersten grundlegenden Umbau im 19. Jahrhundert. Vermutlich wurde [...]

    Deine Rekonstruktion der Baugeschichte der unteren Geschosse von Wahmstr. 35 erscheint sehr plausibel und würde so keine Fragen mehr offen lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass in Lübeck in diesem Mass ganze Geschossdecken verschoben wurden! Beim Fachwerkbau, wo ich mich besser auskenne, wäre dies schwieriger machbar.



    Das sieht in der Tat merkwürdig aus. Die ursprünglichen Bögen hatten eine größere Wölbung. Vielleicht musste die Fassade irgendwann stabilisiert werden.

    Ich denke auch, dass dies der Stabilisierung diente, auch wenn mit diesem Backstein-Stückwerk wohl keine grosse Verbesserung erzielt wurde. Die Fassade ist ja teilweise ziemlich filigran, und wie bereits erwähnt heute wieder in einem maroden Zustand.

  • Gibt es eigentlich eine wissenschaftliche Arbeit über baugeschichtliche Untersuchungen an Lübecker Fassaden?

    Ich kann Dir ja mal ein paar Buchempfehlungen geben, die in die Richtung gehen (inwieweit man die als wissenschaftliche Arbeiten bezeichnen kann, vermag ich nicht zu beurteilen), als da wären:


    - Historische Häuser in Lübeck (Finke, Knüppel, Mai, Büning. Charles Coleman Verlag Lübeck, 1989, ISBN 3-87128-032-1)

    Eine sehr ausführliche Darstellung Lübecker Haustypen aller Baustile mit bildlichen Beispielen. Die Darstellung ist so ausführlich, dass sogar sämtliche vorkommende Tür- und Fenstertypen samt Varianten der Beschläge dargestellt werden. Ich habe das Buch eben bei Amazon gefunden, gebraucht für ca. 70 Euro. Da habe ich ja wahnsinniges Glück gehabt - ich habe es ebendort vor einigen Jahren gut erhalten für wenige Euro bekommen.


    - Das Bürgerhaus in Lübeck (Hübler. Verlag Ernst Wasmuth Tübingen, 1968, keine ISBN)

    Eine ähnliche, aber nicht ganz so umfangreiche Darstellung. Sehr lohnend ist hier der hintere, auf hochwertigem Papier gerdruckte 65-seitige Bildteil mit größtenteils historischen Fotos, die ich zuvor z.T. selbst noch nicht kannte. Des weiteren sind drei ausklappbare Fassadenzeichnungen der Mengstraße, Großen Petersgrube und nördlichen Königstraße enthalten. Ich habe das Buch vor einiger Zeit hier im Antiquariat für 30 Euro gekauft. Habe es gerade bei Amazon für 52 Euro gefunden - offenbar hat es eigentlich einen Umschlag, den ich aber leider nicht habe...


    - Altstadt von Lübeck - Stadtdenkmal der Hansezeit (Finke. Wachholtz Verlag, 2006, ISBN 10 3 529 01335 8 und 13 978 3529 01335 5)

    Herausgegeben von der Bürgerinitiative "Rettet Lübeck" (BIRL) zu ihrem 30-jährigen Jubiläum. Die Veröffentlichungen von Manfred Finke sind schon sehr fundiert. Bei diesem umfangreichen Buch handelt es sich aber um eine baugeschichtliche Gesamtdarstellung der Alstadt und nicht nur der Bürgerhäuser. Enthalten sind neben aktuellen auch viele historische Fotos. Das Buch gab es bis vor kurzem noch neu bei Amazon zu kaufen für fast geschenkte 25 Euro. Jetzt gerade sehe ich da allerdings kein Angebot mehr. Wenn Du Interesse hast und es nirgends findest, könnte ich sehen ob ich es hier noch irgendwo bekomme oder bei Manfred Finke direkt nachfragen - er weiß sicher, wo es noch welche gibt, wenn es noch welche gibt - oder hat evtl. noch selbst welche "herumliegen".



    Dann erinnere ich mich, dass ich vor Jahren hier in der Buchhandlung eine Reihe mit blauem Einband gesehen habe, in der es glaube ich um wissenschaftliche Arbeiten zur Lübecker Baugeschichte ging. Die Bücher waren großformatig und relativ umfanreich, und es gab glaube ich vier oder gar sechs Bände. Ich bin seinerzeit davor zurückgeschreckt, weil der Preis je nach Band bis zu 90 Euro betrug, was mir dann doch zu teuer war. Leider weiß ich nicht mehr wie die hießen und finde die daher auch nicht im Internet. Ich werde demnächst mal gucken, ob ich die in der Buchhandlung noch finde oder evtl. im Antiquariat, von denen es zwei bis drei gut sortierte in Lübeck gibt.


    Mehr wäre mir jetzt zu dem Thema nicht bekannt, aber das soll nichts heißen. Es könnt gut sein, dass es im Stadtarchiv oder bei der Denkmalpflege noch diverse Arbeiten gibt.

  • Danke für die Buchvorschläge. Von der Reihe 'Das Bürgerhaus in ...' habe ich die Bände über Frankfurt a. M. und Nürnberg, und die sind als Einführung sehr toll. Es kommt natürlich auch auf den Autor an, wie wissenschaftlich fundiert eine solche Arbeit ist.


    Sonst denke ich eher an Berichte von bauarchäologischen Begleitungen anlässlich von Fassadenrestaurierungen. Solche verbleiben zwar meistens als Manuskripte bei den Denmalpflege- und Archäologieämtern. Oft werden aber solche in Jahresberichten vorgestellt, dann aber meistens vermischt mit Bauten aus der ganzen Region oder auch Bundesland.


    Ich habe heute Nachmittag mal die Denkmalliste bei Wikipedia wahllos durchgeforstet, einfach nach mir interessant vorkommenden Fassaden, bei denen es etwas zu berichten gibt. 21 Links habe ich mir mal gespeichert...


    Ein Musterbeispiel von Geschossdeckenverschiebungen habe ich bei Kleine Burgstrasse 16 entdeckt:


    450px-Kleine_Burgstraße_16_Lübeck_2021-08-20_2.jpg

    Kleine Burgstr. 16. Vergrösserung.

    Bild: Z thomas, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.


    - Man sieht auf zwei Dritteln der Höhe der 1. Obergeschoss-Fenster an den Fassadenkanten und Fensterpfeilern horizontal liegende Natursteine. Diese dürften Reste des einstigen Gesimses über der ursprünglich höheren Erdgeschossdiele sein. Über der rechten Leibung der Tür sieht man auch einen Bogenansatz, der höhenmässig zu den Simsresten passen würde. Die Türleibung selbst wird von einem Wulst mit Schiffstaumuster begleitet. Dieses Muster habe ich an einigen andern Fassaden - auch an Fenstern - beobachtet. Auch im mittel- und niederdeutschen Fachwerkbau war dieses Muster im 16. Jahrhundert ein beliebtes Ziermotiv. In Limburg an der Lahn habe ich dies bei einigen Fachwerkbauten aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts gesehen. Die Türgewändereste könnten also zeitlich mit der Jahrzahl 1594 durchaus zusammenpassen.

    - Die Fenster vom jetzigen 1. Obergeschoss durchschneiden dieses mutmassliche Sims und sitzen viel zu tief gegenüber den Korbbogennischen darüber. Die Leibungen sind nur oberhalb dieses mutmasslichen Simses abgeschrägt.

    - Die Fenster vom jetzigen 2. Obergeschoss sitzen möglicherweise ebenfalls zu tief in den Korbbogennischen, wenn ich die Vergleichsobjekte aus dem Beitrag von Frank1204 oben heranziehe.


    Mögliches Fazit daraus:

    Das Haus wurde wohl 1594 erbaut, erkennbar an den Balkenankern in Zahlenform. Es hatte eine hohe Erdgeschossdiele und darüber zwei Unterböden und zwei Dachgeschosse. Später wurde dann in der Diele nicht einfach eine Zwischendecke zwecks Flächengewinn eingezogen, sondern lediglich eine Geschosshöhenegalisierung mit dem 1. Unterboden verwirklicht. So erhielt man zwei angenehm hohe Wohngeschosse. Bei Wahmstr. 35 erhielt man durch den Umbau aus einem sehr hohen Dielengeschoss und einem niedrigem Unterboden drei Geschosse gleicher Höhe. Bei Burgstr. 16 aber realisierte man aus einem hohen Dielengeschoss und einem niedrigen Unterboden zwei angenehm hohe Wohngeschosse ohne Flächengewinn. Beim 2. Unterboden denke ich eher nicht an eine Geschosshöhenveränderung, denn dies ist der Boden mit den sichtbaren Balkenankern. Diese hätten bei einer Höhenverschiebung der Decke ohne weiteres wiederverwendet werden können. Aber dies hätte sicher auch Spuren an der Fassade hinterlassen, und solche sind keine erkennbar.


    Das alles lese ich zumindest an den Spuren an dieser Fassade heraus. Die Baugeschichte von Mengstr. 52 ist vergleichbar:

    Mengstrasse-50-52.jpg

    Mengstraße 52/50: Nr. 50 (rechts) mit im EG rekonstruierter Fassadengliederung und mit vorgesetztem Portal von Fischstraße 34). Bei Nr. 52 (links) wurden die Decken der Diele und der Unterböden neu angeordnet, um größere Geschosshöhen zu erhalten.

  • Kleine-Burgstrase-16-Rekonstruktion.jpg

    Kleine Burgstr. 16, links Photoshop-Rekonstruktion des mutmasslich ursprünglichen Zustands, rechts der Ist-Zustand.

    Bildgrundlage: Z thomas, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.


    Nach den baugeschichtlichen Beobachtungen an der Fassade von Kleine Burgstr. 16 versuchte ich mich an einen Rekonstruktionsvorschlag. Beim aktuellen rechten Dielenfenster gibt es Spuren, dass dieses einst einmal breiter war. Die Ansätze des Entlastungsbogens darüber sind noch vorhanden. Beim linken Dielenfenster sieht man keine Spuren des Entlastungsbogens mehr; höchstens die Aussbruchstelle seines linken Ansatzes. Gegen die Haustür war es ebenfalls nachträglich verschmälert worden. Die restlichen Details, die zur Rekonstruktion führten, sind bereits im vorangehenden Beitrag beschrieben.


    Fragen zu lokal verwendeten Begriffen:


    - Das Haus hatte ursprünglich eine hohe Erdgeschossdiele, zwei Unterböden und zwei Dachböden. Sagt man in Lübeck dann '1. Unterboden' und '2. Unterboden'?

    - Du verwendetest den Begriff 'Korbbogennische'. Müsste es nicht richtigerweise ' Stichbogennische' heissen? Echte Korbbögen habe ich in Lübeck nur selten gefunden. Beim Stichbogen sind die Übergänge von der senkrechten Leibung zum Sturz eckig und beim Korbbogen rund.

  • Ein Musterbeispiel von Geschossdeckenverschiebungen habe ich bei Kleine Burgstrasse 16 entdeckt:

    In der Tat ein "schönes" Beispiel. Obwohl - schön finde ich diese Verschiebungen optisch nicht und hätte die Häuser lieber im Originalzustand gehabt - zumal durch die massenweisen Umbauten im 19. Jahrhundert sehr viel historische Substanz vernichtet wurde.


    Das "Problem" in Lübeck war ja (leider), dass die Vorderhäuser der Gotik und Renaissance Geschäftsgebäude waren: In der hohen Diele befanden sich Kontor/Verkaufsraum und in allen Geschossen darüber bis unter den First Lagerraum für Waren aller Art. Gewohnt wurde nur in den Seiten- und Hinterflügeln. Von dort sind mir auch keine Höhenverschiebungen bekannt.


    Um die Lagerfläche im Vorderhaus zu erhöhen, baute man niedrige Stockwerke und dafür lieber eins mehr. Zum Wohnen waren die dann leider nicht geeignet (man konnte wohl gerade so drin stehen, wenn man nicht groß war) - mit den Folgen über die wir hier schreiben.


    Die Türgewändereste könnten also zeitlich mit der Jahrzahl 1594 durchaus zusammenpassen.

    Ja, die Taustäbe des Portals sind bauzeitlich.


    - Die Fenster vom jetzigen 1. Obergeschoss durchschneiden dieses mutmassliche Sims und sitzen viel zu tief gegenüber den Korbbogennischen darüber.

    Die Fenster des 1. OGs hatten in etwa die gleiche Größe wie die des zweiten OGs oder anders gesagt: Die beiden Unterböden waren in etwa gleich hoch. Sie begannen direkt unter dem Korbbogen und endeten in etwa auf Höhe des jetzigen Querkämpfers.


    - Die Fenster vom jetzigen 2. Obergeschoss sitzen möglicherweise ebenfalls zu tief in den Korbbogennischen, wenn ich die Vergleichsobjekte aus dem Beitrag von Frank1204 oben heranziehe.

    Die jetzigenFenster des 2. OGs sind insgesamt zu klein, s.u.


    Mögliches Fazit daraus:

    Das Haus wurde wohl 1594 erbaut, erkennbar an den Balkenankern in Zahlenform. Es hatte eine hohe Erdgeschossdiele und darüber zwei Unterböden und zwei Dachgeschosse. Später wurde dann in der Diele nicht einfach eine Zwischendecke zwecks Flächengewinn eingezogen, sondern lediglich eine Geschosshöhenegalisierung mit dem 1. Unterboden verwirklicht. So erhielt man zwei angenehm hohe Wohngeschosse. Bei Wahmstr. 35 erhielt man durch den Umbau aus einem sehr hohen Dielengeschoss und einem niedrigem Unterboden drei Geschosse gleicher Höhe. Bei Burgstr. 16 aber realisierte man aus einem hohen Dielengeschoss und einem niedrigen Unterboden zwei angenehm hohe Wohngeschosse ohne Flächengewinn. Beim 2. Unterboden denke ich eher nicht an eine Geschosshöhenveränderung, denn dies ist der Boden mit den sichtbaren Balkenankern. Diese hätten bei einer Höhenverschiebung der Decke ohne weiteres wiederverwendet werden können. Aber dies hätte sicher auch Spuren an der Fassade hinterlassen, und solche sind keine erkennbar.

    Ob das zweite OG durch heruntersetzen des Fußbodens erhöht wurde, würde ich bei einem so großen Umbau dennoch nicht ganz ausschließen. Es könnte ja sein, dass die Jahreszahlmaueranker innen abgesägt wurden und keine Funktion mehr erfüllen. Es wäre sonst ungewöhnlich viel Wandfläche oberhalb der Fenster des 1. OGs vorhanden. Aber das könnte man nur von innen sehen. Den Begriff "Balkenanker" kannte ich noch nicht. Das ist dann von innen gedacht anstatt von außen. :smile:


    Kleine_Burgstrase_16_Lubeck_2021-08-20_2-neu.jpg

    Bildgrundlage: Z thomas, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.


    ^ Ich habe mir mal die Mühe gemacht, und das Bild bearbeitet:


    - Oben angefangen: Die Fenster im Giebel sind im Originalbild (voriger Beitrag) leider fassadenbündig eingesetzt, so dass die Nischen vermauert werden mussten. Fassadenbündige Fenster kommen allerdings "nativ" nur unterhalb der Traufe vor, bzw. überall dort wo keine Luken waren. Ich habe die Fenster auf dem Bild daher wieder auf die Tiefe der Nischen-Rücklagen gesetzt - wie es eigentlich richtigerweise sein müsste. Keine Ahnung, warum man das hier nicht so gemacht hat. Dadurch wirkt der Giebel leider sehr geglättet.


    - Unterboden 2.OG: Hier habe ich die Fenster auf ihre ursprüngliche Größe vergrößert. Die Fenster gehen normalerweise über die komplette Breite der Nische und in der Höhe in etwa bis in die Ecken des Bogenansatzes. Keine Ahnung, warum man hier zu kleine Fenster eingebaut hat.


    - Unterboden 1.OG: Hier habe ich flächig die ursprünglichen Fenster angedeutet. Wie zu sehen ist. In etwa gleich hoch wie im 2.OG.


    - Diele: Auch hier habe ich die ursprünglichen Fenster angedeutet. Das linke Fenster war breiter als jetzt wie am Mauerwerk abzulesen ist. Beim rechten kann man das durch den Verputz rechts nicht genau erkennen - ich vermute aber, dass das hier dir originale Breite ist. Die Entlastungsbögen über den Fenstern sind - wie auch der Portalbogen noch am Restmauerwerk ablesbar. Offenbar hat man beim Umbau nicht mehr weggehauen als unbedingt nötig war. Auch das abgeschlagene Gesims über der Diele habe ich eingezeichnet.


    Man bekommt also eine gute Vorstellung vom ursprünglichen Aussehen der Fassade. Da das Portal offensichtlich niedriger als die Dielenfenster war, könnte ich mir vorstellen, dass sich dort wie bei Wahmstraße 37 eine Wappentafel oder eine andere Verzierung (Terrakotten?) befand.


    Übrigens noch eine interessante Tatsache wie ich finde: Anhand der Maueranker ist zu erkennen, dass die Geschossdecken immer direkt über den Fenstern liegen, diese also innen bis zur Decke reichen. Außen laufen die Bogennischen aber über das Deckenniveau hinaus, do dass die Stockwerke - auch im Zusammenhang mit den Gesimsen - optisch ganz anders aufgeteilt wirken als sie tatsächlich sind.

  • Kleine Burgstr. 16, Rekonstruktion des mutmasslich ursprünglichen Zustands.

    Ups, das bist Du mir doch tatsächlich kurz zuvorgekommen. Eine tolle Arbeit! ich hatte auch erst überlegt, ob ich eine Komplettreko "male", aber das war mir dann doch zu zeitaufwändig.

    Vielleicht magst Du meine Infos zu den Fenstern im Dachbereich und im 2. OG noch mit einarbeiten? Dann wäre es perfekt.


    - Das Haus hatte ursprünglich eine hohe Erdgeschossdiele, zwei Unterböden und zwei Dachböden. Sagt man in Lübeck dann '1. Unterboden' und '2. Unterboden'?


    - Du verwendetest den Begriff 'Korbbogennische'. Müsste es nicht richtigerweise ' Stichbogennische' heissen? Echte Korbbögen habe ich in Lübeck nur selten gefunden. Beim Stichbogen sind die Übergänge von der senkrechten Leibung zum Sturz eckig und beim Korbbogen rund.

    Mit 1. und 2. Unterboden bin ich mir nicht sicher...


    Zu den Nischen: Ich bin keine studierter Bauhistoriker, sondern "Hobbyist". Daher lerne auch ich gerne noch etwas dazu. Der Unterschied zwischen Stich- und Korbbogen war mit bisher nicht geläufig. Danke für die Erklärung, dann wirst Du natürlich Recht haben und ich meinte "Stichbogennischen". :smile: :daumenoben:



    Edit: ich glaube, das rechte EG-Fenster in Deiner Reko ist zu breit. Das kommt mir "ungewohnt" vor. Die Fenster gingen eigentlich nie bis so dicht oder direkt bis an die Brandmauer.

    Und meist waren dei EGs auch etwas asymmetrisch mit einem breiteren und einem schmaleren Fenster - siehe z.B. meine obigen Bilder aus der Mengstraße.


    Edit 2: Nach nochmalige Ansicht des Bildes würde ich dann definitionsgemäß die Nischen im Dachbereich doch als korbbogig bezeichnen, da die Übergänge von der Geraden zum Bogen rund sind, und die Nischen der Unterböden als stichbogig, weil die Übergänge spitz sind. :smile:

  • An die vier Fenster im Dachbereich hatte ich gar nicht gedacht. Insbesondere wenn man bedenkt, dass diese ursprünglich nur von innen her mit Läden verschlossen waren, ist die Fassadenbündigkeit der jetzigen Fenster wirklich falsch. Die vier Fenster des 2. Unterbodens werde ich bei einer Weiterbearbeitung vergrössern.


    Zum rechten Dielenfenster:

    Zuerst dachte ich auch, dass die Dielenfenster zu beiden Seiten meist assymmetrisch sind. Auch belässt mein Rekonstruktionsvorschlag rechts nur noch wenig Mauerwerk übrig. Ein Blick auf Mengstr. 64 offenbart aber, dass zwei gleichbreite Dielenfenster nöglich sind, und auch dort ist der rechte 'Mauerpfeiler' ungewöhnlich schlank - etwa eine Ziegelsteinlänge von 25 cm. Beim rechten Fenster des 1. Obergeschosses sieht man zu beiden Seiten die Entlastungsbogenansätze, und rechts am Erdgeschoss kann man die Vermauerung zu einem schmaleren Fenster erahnen.


    Allerdings sieht die Fassade mit einem schmaleren Dielenfenster rechts harmonischer aus, so wie Du es in deiner Rekonstruktion angedeutet hast.


    Übrigens noch eine interessante Tatsache wie ich finde: Anhand der Maueranker ist zu erkennen, dass die Geschossdecken immer direkt über den Fenstern liegen, diese also innen bis zur Decke reichen. Außen laufen die Bogennischen aber über das Deckenniveau hinaus, do dass die Stockwerke - auch im Zusammenhang mit den Gesimsen - optisch ganz anders aufgeteilt wirken als sie tatsächlich sind.

    Ja, das ist mir auch aufgefallen, und man muss sich recht daran gewöhnen. Sonst fragt man sich nämlich immer, wie niedrig eigentlich die Fensterbrüstungen sind. Aber das ist wirklich wie eine optische Täuschung.

  • Vielleicht magst Du mit dem rechten EG-Fenster tatsächlich recht haben. Für mich ist es bei der Betrachtung des vergrößerten Originalfotos nicht ganz eindeutig. Es wirkt auf mich jedenfalls nicht ganz stimmig. Und ja, bei Mengstraße 64 gehen die Fenster tatsächlich bis an die Brandwände - das war mir so extrem gar nicht aufgefallen. Vielleicht auch, weil es hier stimmiger wirkt, da es auf beiden Seiten der Fall ist.

  • Ich habe jetzt deine Anmerkungen in die Photomontage eingearbeitet:


    Kleine-Burgstrase-16-Rekonstruktion2.jpg

    Kleine Burgstr. 16, links Photoshop-Rekonstruktionsvorschlag 2 des mutmasslich ursprünglichen Zustands, rechts der Ist-Zustand.

    Bildgrundlage: Z thomas, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International.


    - Das rechte Dielenfenster besitzt nun wieder die bestehende Breite. Die Fassade wirkt so wirklich harmonischer. Die Befunde sind ja unklar, und wie Du bei Mengstr. 64 richtig erwähnt hast, ist es dort stimmiger, weil die Dielenfenster auf beiden Seiten bis an die Brandwände reichen.

    - Beim 2. Unterboden sind die Fenster nun bis an die Kanten der Korbbogennischen vergrössert. Nebenbei ist es bemerkenswert, dass am 1. Unterbodengeschoss Stichbogennischen vorhanden sind. Durch die beiden Simse ist es gegenüber dem 2. Unterbodengeschoss hervorgehoben.

    - Die Fenster der beiden Dachgeschosse sind nun vertieft eingesetzt. Die jetzige Fassadenbündigkeit der Fenster - die man auch an andern Gebäuden beobachten kann - rührt möglicherweise vom Aufkommen von Winterfenstern/Kastenfenstern her (z. B. Grosse Petersgrube 11). Wann solche genau in Norddeutschland aufkamen, weiss ich nicht. In St. Gallen vermute ich dies erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.


    Ich habe übrigens bei einigen jüngeren Renovationen beobachtet, dass in den Dachgeschossen sprossenlose Fenster mit dunkelgestrichenen Rahmen eingesetzt wurden (z. B. Beckergrube 95 und Glockengiesserstr. 31). Dies kommt den ursprünglich fensterlosen Luken am nächsten. Das gewohnte Bild wird aber gewesen sein, dass diese meistens mit Läden verschlossen waren und nicht offen blieben. Dies führt schon zu nächsten Fragen: Waren diese Holzläden ursprünglich holzsichtig oder gestrichen? Und wie verhielt sich das farbliche Zusammenspiel mit den Rücklagenflächen der seitlichen Bogennischen? Waren diese weiss verputzt oder auch backsteinsichtig? Das sind Details, die ich an andern Fassaden suche, oder die eben auch in bauarchäologischen Berichten vielleicht zu finden sind.


    Für eine Weiterbearbeitung des Bildes müsste jetzt die Fassade noch gereinigt und rötlich eingefärbt werden.


    (zum 3. Rekonstruktionsversuch siehe hier).

  • Ich habe jetzt deine Anmerkungen in die Photomontage eingearbeitet:

    Das sieht sehr gut aus! Ja, so müsste die Fassade in ihrer bauzeitlichen Einteilung ausgesehen haben, wenn auch - wie Du schon schriebst - mit anderer, wahrscheinlich roter Kalkfarbe. Und im Dachbereich mit Holzluken. Die Renaissancefenster hatten natürlich bleiverglaste Flügel, d.h. in Bleiruten gefasste sehr kleinteilige Glasscheiben von wenigen Zentimeten Kantenlänge in den oberen Feldern und oft Holzläden in den unteren, da Glas knapp, teuer und von schlechter Qualität, will sagen ohnehin nicht klarsichtig war.

    Die Fenster der beiden Dachgeschosse sind nun vertieft eingesetzt. Die jetzige Fassadenbündigkeit der Fenster - die man auch an andern Gebäuden beobachten kann - rührt möglicherweise vom Aufkommen von Winterfenstern/Kastenfenstern her (z. B. Grosse Petersgrube 11). Wann solche genau in Norddeutschland aufkamen, weiss ich nicht. In St. Gallen vermute ich dies erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

    Wann die Fenster mit Winterfügeln Lübeck aufkamen, kann ich leider nicht genau sagen. Ich vermute, um 1800 - das würde sich ja in etwa mit Deiner Aussage decken. Ja, dass die Fenster in den Nischen aufgrund der doppelten Flügel fassadenbündig nach außen wandern musste, hört sich im ersten Moment plausibel an. Allerdings ist das ja bei der Mehrheit der Fassaden nicht der Fall, denn die Mauern müssten doch auch in den Nischen noch dick genug für zwei Flügel sein.

    Ich habe übrigens bei einigen jüngeren Renovationen beobachtet, dass in den Dachgeschossen sprossenlose Fenster mit dunkelgestrichenen Rahmen eingesetzt wurden (z. B. Beckergrube 95 und Glockengiesserstr. 31). Dies kommt den ursprünglich fensterlosen Luken am nächsten. Das gewohnte Bild wird aber gewesen sein, dass diese meistens mit Läden verschlossen waren und nicht offen blieben. Dies führt schon zu nächsten Fragen: Waren diese Holzläden ursprünglich holzsichtig oder gestrichen? Und wie verhielt sich das farbliche Zusammenspiel mit den Rücklagenflächen der seitlichen Bogennischen? Waren diese weiss verputzt oder auch backsteinsichtig? Das sind Details, die ich an andern Fassaden suche, oder die eben auch in bauarchäologischen Berichten vielleicht zu finden sind.

    Beckergrube 95 wurde leider bei der Renovierung vor einigen Jahren im Erdgeschoss weiter verunstaltet als es ohnehin schon war. Der noch vorhandene mittigen Eingang wurde entfernt, und die Fensteröffnungen wurden noch niedriger und breiter als vorher und verloren zudem den Bezug zu den darüberliegenden Achsen. Ich hatte auch den Eindruck, dass bei diesen Änderungen in noch vorhandenes historisches Mauerwerk eingegriffen wurde, obwohl das Haus unter Denkmalschutz steht. Warum die Denkmalpflege das genehmigt hat, ist mir ein Rätsel.


    Hier ein Bild von vor der Renovierung - da hätte man sicher den Originalzustand noch wiederherstellen können:


    Beckergrube-95.md.jpg

    Beckergrube 95. Foto von mir vom 23.8.2009 - übrigens sind hier die Rücklagenflächen der seitlichen Bogennischen verputzt. Inwieweit das bauzeitlich gemacht wurde, kann ich nicht sagen.
    Zum Vergleich nochmal der im EG noch furchtbarere jetzige Zustand.


    In der Glockengießerstraße 31 ist die Situation genau umgekehrt: Hier wurde genau das real gemacht, womit wir uns hier virtuell beschäftigen: Die im 19. Jahrhundert umgebaute Fassade wurde nach 1976 nach historischen Befunden rekonstruiert: Die Fensteröffnungen im Unterboden und ihre Nischen wiederhergestellt (hochgesetzt und verkleinert), EG und 1. OG zumiundest außen wieder zu einer hohen Diele zusammengefasst, das Portal und sogar die Kreisblenden und eine Nische darüber wiederhergestellt. Ich habe hier in einem Buch ein Foto des alten Zustands, kann das aber aus rechtlichen Gründen hier nicht hochladen.


    Und ja, verschiedentlich wurden bei neueren Renovierungen in die Luken durchgehende Glasscheiben anstatt geteilter Fenster eingesetzt. Das gefiel mit erst nicht, aber irgendwann hatte ich erkannt, dass damit der ursprüngliche Zustand mit den Holzläden simuliert werden soll. Das funktioniert auch ganz gut, zumindest solange in den dahinterliegenden Räumen kein Licht brennt.


    Ich kann hier noch so einen Fall zeigen, Dankwartsgrube 26:


    Dankwartsgrube-26.md.jpg

    Dankwartsgrube 26. Foto von mir vom 11.8.2009


    Noch einmal zu verputzen Nischenrücklagen: In der Gotik waren die Rücklageflächen der Hochblenden wohl häufiger verputzt oder geschlämmt und farbig (hell) abgesetzt, währen die sonstige Fassade rot gestrichen war. Ein Beispiel verputzter Hochblenden zeigt das gotische Haus Königstraße 30:


    Koenigstrasse-30.md.jpg

    Königstraße 30. Foto von mir vom 19.7.2009


    Hier sogar mit abwechselnden roten und glasierten Steinschichten. Es gibt sogar die Vermutung, dass die unglasierten Steinreihen ursprünglich rot gestrichen waren und die glasierten Schichten dazwischen einen glänzenden Kontrast bildeten.

    Übrigens: Die oberste Giebelstaffel und die beiden kleineren seitlichen wurden - wie auch zu sehen - im 16. Jahrhundert zusätzlich angesetzt, als der Dachstuhl verändert (steiler) wurde und verdeckt werden musste. Zudem ist hier zu sehen, dass die gotischen Hochblenden deutlich tiefer (zwei statt einer Steinschicht) und auch breiter waren als die der Renaissance.


    Für eine Weiterbearbeitung des Bildes müsste jetzt die Fassade noch gereinigt und rötlich eingefärbt werden.

    Noch etwas zur Farbigkeit: Im Buch "Historische Häuser in Lübeck" ist dazu folgendes zu lesen:

    Zitat von Buch "Historische Häuser in Lübeck"
    "Über mittelalterliche Anstriche der Backstein-"Rohbauten" weiß man erst sehr wenig. Es ist anzunehmen, dass zumindest die größeren, repräsentativen Fassaden im Mittelalter überstrichen waren. ... Vielleicht sind ausgeputzte und gekalkte Hochblenden-Nischen und Glasurschichten nur Rest-Befunde eines ehemals viel prächtiger und farbiger gemeinten Bildes.
    Im Spätmittelalter, besonders aber im 16. Jahrhundert, wird die farbige Fassung die Regel.

    Des weiteren ist zu lesen, dass "kräftige Blutrot-Töne" und "sattes Ockergelb" "jahrhundertelang das Bild der Ostseestädte bestimmten". Es wurden die Grundtöne Oxidrot (16. und 17. Jhdt.) und Vitriolgelb und Weiß (um 1750/60) nachgewiesen. Es scheint sehr bunt gewesen zu sein - Rote Fassaden wurden mit weiß und sogar mit Gelb abgesetzt. Im Klassizismus wurden auch Rot und Weiß zu Rosa gemischt.


    Und:

    Zitat von Buch "Historische Häuser in Lübeck"

    "Die Holzteile - Fensterzargen, -flügel und -läden, Lukenklappen, Haustür, sprachen im Gesamtbild ein wichtiges Wort mit. Anstriche mit Mennigrot, Bleiweß, Blaugrün oder auch mit dunkelbraunem Holzteer müssen für eine zuweilen recht aufregende Wirkung gesorgt haben."

    Das heißt also, offenbar waren die Lukenklappen in den Dachbereichen nicht holzsichtig. Das macht auch schon aus Verwitterungsgründen Sinn.


    Noch zu den Fenstern:

    Zitat von Buch "Historische Häuser in Lübeck"

    "Seit dem Biedermeier, also ab 1840/50 streicht man die feststehenden Teils des Fensters - Zarge, Pfosten und Kämpfer - rotbraun oder dunkelgrün; das Holzwerk der beweglichen Flügel wird oft weiß abgesetzt. In früheren Zeiten hat es aber kräftige einfarbige Antriche gegeben, etwa in Bleiweß, Rotbraun oder Türkisgrün."

    Ich hoffe, das beantwortet einige Fragen.

  • Riegel: Du hast doch offenbar großen Spaß an fotografischen Fassaden-Rekos und machst das auch annähernd perfekt.


    Hier mal eine schwierige Aufgabe, falls Du Lust hast: Die völlig verhunzte Fassade Böttcherstraße 18:


    Boettcherstrasse-18.md.jpg

    Böttcherstraße 18 am 17.7.2022, Foto von mir


    Das Haus steht mittlerweile leer, und ich hoffe, dass da bald die Sanierung beginnt. Die vielen Risse in der Fassade machen mir große Sorgen. Ein Traum wäre die vollständige Rekonstruktion der Renaissance-Fassade. Bis auf die oberste Giebelstufe und die Stichbögen über der obersten Fensterreihe wäre ja auch noch alles da. Ich vermute, dass die beiden seitlichen kleinen Fenster nicht original sind und dort schon die erste Giebelstufe saß bzw. dass die kleinen Fenster ursprünglich Blindnischen waren. Das kann man rechts im putzlosen Teil auch erahnen - da scheint der rechte Mauerteil später angesetzt worden zu sein. Vielleicht ist der Putz dort zur Voruntersuchung für die Sanierung/Reko abgeschlagen worden?


    Falls Du tatsächlich Lust dazu hast (vielleicht sieht das dann ja der Eigentümer und nimmt das als Vorbild für die Sanierung), stelle ich hier mal das Bild in voller Auflösung zur Verfügung.

  • Ich komme auf deine letzten beiden Beiträge schon noch zurück, aber kurz zu Böttcherstr. 18: Das Haus ist offenbar bis im Mai bei Ebay für 395'000 Euro als Baudenkmal angeboten worden. Dort sieht man auch einen Zustandsbeschrieb sowie Innen- und Hofaufnahmen.